Sonntag, 12. Oktober 2014

Der Mann der immer steht

"Der Mann, der immer steht"" würde man mich in der Klinik später nennen.

(Namen der Klinik, der Reha und des Personal bleiben mit Absicht unerwähnt. Man könnte unter Gesungheitsreform, unter Engagement, unter Pflegepersonal unter Privatpatient oder sonstiges subsummieren. In welche Schublade man diese Erlebnisse stecken will, bleibt den Lesern und Leserinen überlassen. ) Ich beschreibe ganz einfach meine Erlebnisse ohne Wertungohne Anklage und ohne erhobenen Zeigefinger.

Aber fangen wir ganz von vorne an:


Ein kleiner Moment von Unaufmerksamkeit und ich fiel im Garten von der Leiter. Ein stechender Schmerz im Rücken  und die Unmöglichkeit aufzustehen oder gar der Versuch mich auch nur um Zentimeter vorwärts zu bewegen kündigten bereits grosse Probleme an.
Notarzt und Krankenwagen sind erfreulich schnell bei mir. Professionell und freundlich werde ich übernommen, mir wird ein Schmerzmittel  verabreicht und umgehend werde ich in das nächste Spital  transportiert.

„Das wird gut“, denke ich. Mit schlechtem Gewissen erinnere mich  noch daran, dass ich vor einigen Tagen  noch gegenüber einem Vertreter der Roten Kreuzes eine Mitgliedschaft abgelehnt hatte, und dann sehe ich durch den Nebel des Schmerzmittels hinter den Scheiben des Krankenwagens die Baumspitzen vorbeigleiten.

In der Notaufnahme des Spitals erlebe ich das Gleiche. Eine freundliche Ärztin, extrem freundliches und engagiertes Personal ist um mich bemüht.
„Das wird gut“, denke ich. Ich lasse beruhigt  Röntgen und CT über mich ergehen.
Ein Arzt erscheint neben meiner Liege und meint kurz: „Sie haben einen Rückenwirbel gebrochen, wir behalten Sie hier.“ Dann ist er wieder verschwunden.

Ich werde einige Stockwerke höher gebracht und mit den Worten „Einzelzimmer haben wir leider nicht frei!“ schiebt man mich in ein Dreierzimmer.
„Das wird schon“, denke ich voller Optimismus, da ich über die voraussichtliche Dauer meines Aufenthalts nicht informiert bin.
„Es wurde nicht!“



Da lag ich nun in meinen dreckigen Kleidern (ich hattevor dem unfall mehrere Stunden im Garten gearbeitet.) verschwitzt und mit blutverschmierten Unterarmen (Ich war direkt in die Dornen meiner Rosen gefallen).


Ich muss liegen, darf nicht aufstehen und keinesfalls sitzen, wurde mir gesagt.

Ich erhalte ein Kästchen mit Medikamenten in diversen Farben und Formen.
„Was ist das und wie muss ich sie nehmen?“, frage ich.
„Steht drauf!“
„Da steht MORGEN, MITTAG, ABEND und NACHT“
“Ja, eben“
Die Antwort war irgendwie nicht besonders ergiebig. Ich versuche es nochmal: „Vor oder nach den Mahlzeiten“?
„Egal!“, meint der Betreuer.  Eine richtige  Plaudertasche ist das.
Ich schlucke die Mediamente.
Dann erhalte ich mein Abendessen. Ein Stück helles  und ein Stück dunkles Brot, zwei  Scheiben Käse, zwei  Scheiben Wurst und eine Tasse Kräutertee.
Niemand fragt, ob ich Hilfe benötige und evtl. die Hände waschen möchte. Jetzt mache ich auch die Erfahrung, wie schwierig es ist, liegend ein Butterbrot zu streichen und Tee aus einer normalen Tasse zu trinken. Mein Gartenshirt wird durch die nun entstehenden Teeflecken noch verdreckter. Ich komme mir vor, wie ein Clochard. Nur eben unbeweglich.
 

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